Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt

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Pippi Langstrumpf Puppe (Autor: Sigismund von Dobschütz)Was aus dem Mund einer halbwüchsigen, rothaarigen Göre noch ganz spaßig klingt, ist bei einem gestandenen Finanzprofi schon anders zu sehen. Selektive Wahrnehmung ist ein ernstes Problem bei der Geldanlage. Und es ist kein Zufall, dass besonders Menschen darunter leiden, die eine „alternativlose" Meinung von der Zukunft haben.

Wenn Menschen einen Standpunkt eingenommen haben, neigen sie dazu, neu eintreffende Informationen unbewusst selektiv wahrzunehmen. Sie nehmen bevorzugt den Teil der Information war, der ihrer Voreingenommenheit entspricht. Zwei weitere Faktoren verstärken diesen Bias: ein hohes Commitment und dogmatisches Denken.

Unter Commitment versteht man in der Behavioral Finance die Bindung an eine eingenommene Position. So erhöht sich die Bindung beispielsweise, wenn man die eigene Meinung mit einem großen finanziellen Einsatz unterlegt hat. Würde das Aufgeben der Position zudem die Realisierung eines Verlustes bedeuten, würde sich die Bindung nochmals erhöhen. Gleiches gilt auch, wenn die Person von der Öffentlichkeit stark beobachtet wird und die Reputation bei einer Meinungsänderung gefährdet wäre.

Eine hohe Bindung gehen auch jene Prognostiker ein, die mit plakativen „Jahrhundertprognosen" oder Crash-Szenarien die Medienlandschaft bereichern. Solche Ritter von der traurigen Gestalt gibt es leider so einige. Unter der Überschrift Systemkollaps – Notenbanken kaufen massiv Gold kann man ein solches Beispiel der selektiven Wahrnehmung studieren. In dem Beitrag greift der Autor, langjähriger Goldbulle und Gelduntergangsprophet, eine Meldung über Goldkäufe der Notenbanken auf und zieht daraus etwas einseitige Schlüsse.

„Zentralbanken rund um den Globus kaufen massiv Gold" ist die Kernbotschaft des Artikels. Weiter unten im Text erfährt der Anleger dann, dass sich die Goldkäufe der Zentralbanken in 2012 auf bis zu 500 Tonnen belaufen könnten. Eine gewaltige Zahl! Mehr als 16 Mio. Unzen - und dennoch entspricht dies "nur" einem Gegenwert von USD 26,8 Mrd. Bedenkt man, dass alleine die BRIC-Staaten (Brasilien, China, Indien und Russland) über Währungsreserven von mehr als USD 4.000 Mrd. verfügen, relativieren sich die Zahlen. Etwas später im Text relativiert sich das Ganze nochmals, denn im Jahr davor waren es den Angaben des Autors zufolge auch schon 458 Tonnen. Dieses demnach wiederholte und stetige Kaufen von Gold wird vom Autor als "plötzlich" und "massiv" bezeichnet. Villa Kunterbunt. 

Der Autor ist sich sicher, dass dahinter nur die Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems stehen kann. Interessant ist jedoch, dass es sich bei den kaufenden Zentralbanken nicht um Zentralbanken jener Länder handelt, deren Währung wirklich wackelt, sondern um die Währung derjenigen Länder, deren Geldsystem überaus stabil ist. Die im Artikel genannten Käuferländer zählen ausnahmslos zu den Ländern der Emerging Markets. Und deshalb kann es einen anderen, ganz plausiblen Grund für die Käufe geben: diese Länder erwirtschaften Handelsüberschüsse und damit entstehen Überschussreserven. Und diese wiederum fallen meist einseitig in US-Dollar an, so dass eine Diversifikation gesucht wird.

Aber auf eine so einfache Erklärung kann sich der Autor nicht einlassen. Vielmehr holt er zum ultimativen Schlag gegen das Geldsystem aus. Dieses sei kurz vor dem Kollaps und wer wüsste das nicht besser, als die Notenbanken! Deshalb sind deren Käufe unweigerlich die Boten der nahenden Apokalypse. Eine interessante Aussage. Wenn der Autor so viel von Zentralbankern hält, warum gilt dies dann nicht für diejenigen Zentralbanker, deren Währungen (Euro, US-Dollar, Yen) er untergehen sieht? Der Aussage eines Herrn Draghi, der Euro werde erhalten werden und die Zentralbank werde Ausreichendes dafür tun, schenkt er offensichtlich keinen Glauben. Dies ist klassische, selektive Wahrnehmung und eine äußerst einseitige, verdrehte Sicht.

Ich weiß nicht, ob das Geldsystem über kurz oder lang zusammenbrechen wird. Berechtigte Zweifel an so manchem was passiert, erscheinen durchaus berechtigt. Aber an der Börse ist es das Wichtigste, seine geistige Flexibilität – und damit die Fähigkeit sein Portfolio jederzeit anpassen zu können! – zu bewahren. Eine an Prinzipien orientierte Denkweise ist dabei durchaus hilfreich. Jedoch kennt niemand von uns alle Informationen, Motive und Einflussfaktoren. Und deshalb mögen die Dinge sich so entwickeln, wie wir das erwarten. Es kann aber auch ganz anders kommen!

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